Philipps-Universität Marburg

Warum Menschen auf Erwartungen beharren

Wir alle haben Erwartungen, wie sich Dinge entwickeln und sich Menschen verhalten sollten. Da wir keine Kontrolle über andere haben, sind Enttäuschungen unvermeidbar.

Ent-TÄUSCHUNG – so hat Vera F. Birkenbihl geschrieben – es ist sozusagen die Auflösung der Täuschung, der wir unterlagen. Eine neues Forschungsprojekt beschäftigt sich damit, warum wir Menschen trotz Enttäuschungen Erwartungen beibehalten:

Das Marburger Graduiertenkolleg (GRK) „Beibehaltung vs. Veränderung von Erwartungen im Kontext von Erwartungsverletzungen (Breaking Expectations)“ wird um weitere 4,5 Jahre verlängert. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert die zweite Phase des erfolgreichen GRK 2271 mit über fünf Millionen Euro.

14 Promovierende aus neun verschiedenen Ländern und 14 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Fachbereichs Psychologie der Philipps-Universität forschen zu der Frage, warum Menschen Erwartungen häufig auch dann beibehalten, wenn sie enttäuscht oder durch Erfahrungen widerlegt wurden. Das Sprecherteam des GRK bilden Prof. Dr. Erik Müller und Prof. Dr. Sarah Teige-Mocigemba.

Eine Beobachtung in der Sozialpsychologie ist beispielsweise, dass Vorurteile gegenüber einer fremden Gruppe trotz positiver Erfahrungen mit deren Mitgliedern fortbestehen. In der Klinischen Psychologie zeigt sich das Phänomen, dass Ängste auch dann bestehen bleiben, wenn befürchtete Erwartungen ausgeblieben sind. In der Entwicklungs- bzw. Pädagogischen Psychologie wurde festgestellt, dass Leistungserwartungen aufrechterhalten werden, auch wenn bisherige Zensuren dagegensprechen. „Bevor das Graduiertenkolleg startete, wurden Phänomene wie diese nur von den jeweiligen Teildisziplinen der Psychologie erforscht“, erklärt Erik Müller.

„Wir wollten das ändern und haben eine Forschungsumgebung geschaffen, in der die Promovierenden aus verschiedenen Blickwinkeln untersuchen, warum Menschen ihre Erwartungen verändern oder beibehalten.“ Neben anwendungsbezogenen Fragen suchen die Promovierenden auch Antworten auf grundlegende Fragen, wie beispielsweise, welche Gehirnprozesse bei Erwartungsverletzungen aktiviert werden oder wie Erwartungen gelernt werden.

Zu den bisherigen Erfolgen des GRK gehört die Weiterentwicklung eines Modells zur Erklärung von Erwartungsveränderungen. Das neue Modell wurde von Postdoktorand Dr. Christian Panitz in Zusammenarbeit mit Promovierenden und Professorinnen und Professoren unterschiedlicher Arbeitsgruppen des Fachbereichs Psychologie erstellt. Es verbindet die Teildisziplinen der Psychologie und benennt empirisch prüfbare Mechanismen, die dafür verantwortlich sind, dass Erwartungen aufrechterhalten werden. So können Menschen beispielsweise Impfängste beibehalten, auch wenn sie Informationen erhalten, die ihren Annahmen widersprechen.

Das Modell erfasst zum einen Verhaltensweisen, mit denen Menschen ihre Erwartungen schützen, beispielsweise indem sie gezielt nach Informationen suchen, die ihre Erwartungen bestätigen. Zum anderen lassen sich mit dem Modell mentale Prozesse untersuchen, die nach einer Erwartungsverletzung einsetzen können. Hierbei kann es vorkommen, dass gemachte Erfahrungen nachträglich umgedeutet werden. „In der zweiten Förderphase werden Forschungsfragen, die wir aus diesem Modell abgeleitet haben, in interdisziplinären Teams aus Promovierenden und Professorinnen und Professoren bearbeitet“, erläutert Sarah Teige-Mocigemba. „Dazu gehört beispielsweise die Frage, in welchen Situationen kleine Erwartungsverletzungen eher zu einer Veränderung der Erwartungen führen als sehr starke Erwartungsverletzungen.“

Interdisziplinäre Zusammenarbeit und Auslandsaufenthalte

Das Qualifizierungsprogramm des GRK sieht vor, dass die Promovierenden jeweils von zwei Marburger Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftlern betreut werden. Für den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus arbeiten die Nachwuchsforscherinnen und -forscher in ihrer Promotionszeit über mehrere Wochen in einem Labor aus einer anderen Teildisziplin. „Es besteht auch die Möglichkeit, dass sich Promovierende aus zwei Arbeitsbereichen zusammenschließen und Forschungsmittel für ein gemeinsames interdisziplinäres Projekt beantragen“, hebt Erik Müller hervor.

Internationalität spielt im GRK eine große Rolle: Während der dreijährigen Förderung ist für die Promovierenden ein Forschungsaufenthalt im Ausland vorgesehen. Darüber hinaus steht jedem Doktoranden und jeder Doktorandin zusätzlich auch ein internationaler Mentor bzw. eine internationale Mentorin für das Promotionsprojekt zur Seite.

Verantwortung im Wissenschaftssystem

Eine neue Komponente im GRK ist die „Förderung von Autonomie und Verantwortung im Wissenschaftssystem“. Sie drückt sich unter anderem dadurch aus, dass die Promovierenden durch zwei gewählte Sprecherinnen (Larissa Knöchelmann und Kiara Roth) in der Lenkungsgruppe des GRK vertreten sind und ihre Mittel weitgehend selbständig verwalten. Hinzu kommen Angebote im Bereich der „Offenen Wissenschaft“, einer Wissenschaftspraxis, bei der beispielsweise Forschungsdaten und -prozesse transparent gemacht und in kollaborativen Netzwerken weiterentwickelt werden.

Erik Müller und Sarah Teige-Mocigemba führen die erfolgreiche Verlängerung des Graduiertenkollegs vor allem auch auf das hohe Engagement der Promovierenden zurück und heben hier die hervorragende Arbeit der beiden Promovierenden-Sprecherinnen Kiara Roth und Larissa Knöchelmann hervor.

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